Eliane Esther Bots &

Cloud Forest

Ein Cloud Forest (Wolkenwald) bezeichnet eine immergrüne Waldregion zwischen zwei Höhenformationen, wobei das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Klimazonen zu immerwährenden Wolkenbänken und zu außerzonaler Vegetation führt. Wolken- oder Nebelwälder mit kleinwüchsiger Flora werden oftmals als Elfenwälder bezeichnet – was ihre Faszination in Sagen und Mythen erklärt.
Das Video Cloud Forest startet mit einer bildlosen schwarzen Sequenz, Anweisungen und Fragen sind aus dem Off zu hören. Wir befinden uns in einer Tonstudiosituation. Nach einem Cut, genutzt, um den Werktitel anzuzeigen, beginnt die eigentliche Handlung. Alle im Folgenden gezeigten Räumlichkeiten wirken sehr intim, ob varietéartig ausstaffierte Garderobe oder Schlafzimmer. Ganz nah folgt die Kamera den im Wechsel auftretenden fünf Protagonistinnen, die mal von einer unsichtbaren Lichtquelle, mal von der Taschenlampe eines Smartphones im starken Licht- und Schattenspiel angestrahlt werden. Es ist ein gemeinsames Beleuchten, Aufnehmen, Zuhören, Erzählen, Erinnern in einer sehr persönlichen und angenehm friedlichen Atmosphäre.
Was in der Bildsprache so positiv erscheint, erfährt in der Tonspur eine abgründige Tiefe. Nicht oberflächlich in Lautstärke und Wortwahl, sondern in den Inhalten der Erzählungen der Frauen, die Tonaufnahmen ihrer eigenen Familiengeschichten nach einer Zeitspanne noch einmal anhören. Es sind Geschichten von nicht gestellten Fragen, unausgesprochener Leiderfahrung, Verlusten, unerklärlichen Ängsten, Überlebenskämpfen, Entblößungen. Die Szene beschreibt den Versuch der nachkommenden Generation von Geflüchteten der jugoslawischen Nachfolgekriege (1991-99), den geerbten Traumata zu begegnen. Die Frauen erzählen über das Schweigen der Eltern und deren nebulöse Berichte ihrer Vergangenheit, über deren Erlebnisse, von denen die Töchter meist durch Dritte oder medial via YouTube-Videos erfahren haben. Diese Lücke in der Familienhistorie ist wie ein Graben, der die Jüngeren in einem Nischendasein zwischen Gegenwart und ballastvoller Herkunft zurücklässt.
Das Video endet wie es beginnt, mit einer schwarzen Bildfläche und Tonspur. Wie aus einer weiten Ferne erleben die Frauen ihre eigenen Berichte – real und unwirklich zugleich.
Angeregt und in Szene gesetzt wurde Cloud Forest von Elma Čavčić, einer ehemaligen Studentin von Eliane Bots. Ihre Familiengeschichte und die ihrer Freundinnen, vor dem Hintergrund der Kriegserfahrungen ihrer Eltern aus dem früheren Jugoslawien, sind Grundlage dieses Videos. (Elisabeth Wynhoff)

Artist Statement
I am fascinated by the stories people construct and tell, to themselves and to others. Stories that help us to make sense of the world and give meaning to life, or likewise, burden us with their disruptive character and unwillingness to leave us.
In many of my filmic works I focus specifically on the way family functions as an independent narrative generator, changing and distorting narratives over time and through different generations. I investigate how (life-changing) experiences and conflict influence the construction of our narratives. And the way we establish intimate connections to that what is (no longer) present in our lives by oral storytelling or making use of existing narrative structures like poems, prayers, songs, diary entries, notes and letters.
In this context I am intrigued by different narrative positions, the interaction between body and mind and the fact that intangible narratives can have a lasting impact on our physical and mental well-being and existence. (Eliane Esther Bots)
Abbildungen: Eliane Esther Bots, Cloud Forest, 2020 © Eliane Esther Bots/ Courtesy EYE Experimental

Über die Künstlerin

Eliane Esther Bots * 1986 in Amsterdam, NED, lebt und arbeitet in Den Haag, NED. Studium an der University of the Arts Utrecht, NED, der École Européenne Supérieure de l’image, Angoulême, FRA, und der Netherlands Film Academy, Amsterdam, NED
Webseiten

Über das Werk

Länge 00:18:20

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