Paula Ábalos &

Diarios de trabajos (Work Diaries)

Auf zwei über Eck angeordneten Projektionen schauen wir Paula Ábalos – fast heimlich – bei der Arbeit zu. Was wir sehen ist das Videomaterial, das Ábalos über die Jahre mit ihrer Kamera, versteckt in Regalen und befestigt am Körper, gesammelt hat. Zusammengeschnitten ergeben die Aufnahmen eine Art Videotagebuch, genauer gesagt handelt es sich um die Arbeitstagebücher der Künstlerin. Als stille Beobachter*innen schauen wir durch die von ihr platzierte Linse. Doch was wir sehen, ist weder geheimnisvoll noch spektakulär. Es ist eine Dokumentation ihres Arbeitsalltags, der durchsetzt ist von monotonen Abläufen in sterilen Szenarios: einer Imbissbude im Stadion, am Fließband, in einem Supermarkt. Sie bereitet vor und preist an. Sie schneidet, wäscht und belegt. Mit den Aufnahmen reisen wir zwischen Santiago de Chile und Leipzig hin und her, ohne chronologische Abfolge zwischen den Jahren 2013 und 2015, lauschen den Erzählungen der Künstlerin und lernen präzise Feinheiten jedes Ablaufes kennen: Kein Paket darf verloren gehen, die Temperatur der Würstchen muss regelmäßig überprüft werden, im richtigen Moment muss ›Enter‹ gedrückt werden.
Sind es diese Tätigkeiten, die Paula Ábalos ihre künstlerische Tätigkeit ermöglichen? Bereits in früheren Arbeiten beschäftigt sie sich mit jener Zweiteilung, wenn Leidenschaft und Broterwerb nicht miteinander verzahnt werden können. Die Identität von Ábalos tritt in diesen autobiografischen Aufnahmen nur fragmentarisch zutage und ihre Erzählungen verhaften auf der obersten Ebene. Wir erfahren, dass die Künstlerin sich vegetarisch ernährt. Was die tägliche Berührung mit Fleisch in ihrem Job in einer Stadionimbissbude mit ihr macht, erfahren wir hingegen nicht. Wir lernen, dass sie nicht mehr in ihrer Heimat lebt, sondern auf einem anderen Kontinent. Dass diese Trennung nicht immer leicht ist, können wir nur erahnen. Doch schnell sind auch wir gefangen, in einem Workflow, Ábalos' repetitiven Handlungen gänzlich ausgeliefert. Den Bildern über 27 Minuten unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen fällt schwer, denn die dokumentarische Erfassung dieser Monotonie bietet dazu wenig Anreiz. Aber sie erlaubt uns, in eine tranceartige Beobachtung zu verfallen, ähnlich der Künstlerin während ihrer Arbeit. So nehmen wir teil. Unsere Gedanken sind schon bald gefangen in routinierten Handbewegungen, erwarten nur das Vorhersehbare. Es muss funktionieren, aber wir müssen es nicht fühlen: »No time to think, just do.« (Riccarda Hessling)

Artist Statement
At the core of my artistic practice is the question of how to translate through audiovisual means the clash between the internal world and outside spaces, specifically highly ideologized and commodified ones. I am especially interested in the relationship we create with the workplace and where the mind goes during long working hours.
Mixing documentary, poetic and fictional languages, I create bridges between the inner and the outer world, where borders dissolve, leaving these worlds marked with a personal atmosphere.
My method is based on the recording of places I inhabit and work in. Then, in the postproduction stage, I include poetic perspectives to these spaces, with a critical stance on contemporary, social, political and economic issues. As I feel that these spaces appear in front of me with ideas that do not belong to me, a sort of liberation and resistance emerges; an attempt to protect the "self". (Paula Ábalos)
Abbildungen: Paula Ábalos, Diarios de trabajos, 2020 © Paula Ábalos

Über die Künstlerin

Paula Ábalos * 1989 in Santiago, CHI, lebt und arbeitet in Leipzig, GER. Studium an der University Finis Tarrae, Santiago, CHI, und der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, GER
Webseiten

Über das Werk

Länge 00:27:12

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