Ana María Millán &

Elevación (Elevation)

Ein zweiköpfiger, anthropomorpher Stier; eine Frau, die buchstäblich die Welt auf den Kopf dreht; ein blaues Gespenst, das zu einem Pfeil wird; ein Felsblock mit Augen führt eine ins Tal brechende Gerölllawine an, woraufhin eine rosa Zauberin die Steine zu rosa Wolken verpuffen lässt. In Ana María Milláns Elevación tauchen sehr unterschiedliche Wesen auf, deren Interaktionen miteinander ein loses, mythenähnliches Narrativ bilden.
Die einzelnen Figuren scheinen nicht aus derselben Welt zu stammen, ähnlich Figuren aus verschiedenen (Gaming-)Universen in Computerspielen, oder wenn Spieler*innen eigene Avatare erschaffen und gemeinsam durch artifizielle Onlinewelten streifen. Eine Vorform von Online-Rollenspielen sind LARP, live action role plays, die sich noch heute großer Beliebtheit erfreuen. Für Elevación ließ Millán zunächst Teilnehmer*innen eines Workshops am Museo de Arte Moderno de Bogotá, Kolumbien, ihre eigenen Avatare entwerfen, um mit ihnen dann in einem LARP Erzählungen zu entwickeln. Erst danach entstanden die Animationen und das Video, wofür sie die kollaborative, improvisierte Erzählung digital nachstellte und interpretierte.
Das Besondere an LARP ist, dass jede Figur ihre eigene Agency hat, also unabhängig von einer Dramaturgie handelt und ihre eigenen freien Entscheidungen trifft. So entsteht weniger eine in sich geschlossene Erzählung als vielmehr eine komplexe Dynamik aus verschiedenen Erzählstimmen. Analog dazu können auch Mythen und Sagen als von Vielen geformte Geschichten begriffen werden, auch wenn hier eher ein Nacheinander als ein Miteinander des Erzählens stattfindet. Dadurch entstehende Brechungen und Widersprüche geben ihnen eine Mystik, einen eigenen Sog.
Laut Millán werden in ihrer Arbeit narrative Formen verhandelt, die gemeinhin als dysfunktional betrachtet werden – Handlungsstränge laufen ins Leere, Figuren verschwinden und tauchen wieder auf, Symbole bleiben ambivalent. Verstärkt wird diese Ästhetik des Dysfunktionalen durch die amateurhafte, hands-on Animation mit ihren zahlreichen Verweisen auf Pop-, Internet- und Gamingculture. Bunte Landschaften mit Drogenpflanzen-Flora, unberührte 3D-Natur und der beruhigende Ambient-Soundtrack lassen die Zuschauer*innen an dem Eskapismus teilnehmen, der Gamingwelten innewohnen kann. Als Ausgangspunkt für den kollaborativen Entwicklungsprozess von Elevación diente im Gegensatz dazu aber ein Comic zur Geschichte der FARC und deren Rolle im bewaffneten Konflikt in Kolumbien von 1964 bis 2017. Dem vermeintlichen Eskapismus werden somit sehr reale, gesamtgesellschaftliche kolumbianische Themen gegenübergestellt. Die Ambivalenz – auf der einen Seite Gewalt und Ausgrenzung, auf der anderen Aufbruch und Utopie – wird bis zuletzt nicht aufgelöst. Wir verbleiben im Loop eines ständigen Verwandlungsprozesses. (Julius Vapiano)

Artist Statement
My work addresses the politics of the animation in relation to digital cultures and subcultures, gender and propaganda. I have developed techniques based on role playing, reenactment and ideas about animation as methodology to make a series of plays that end in the form narrative films. It speaks from amateur cultures, pop political culture, sound territories and technology, incorporating the possibilities and mistakes of the rehearsals, and narrative forms considered dysfunctional. My work has been shown in Art Encounters Biennial, Timișoara, Romania 2019; Kunstinstituut Melly (solo), curated by Sofía Hernández Chong Cuy and Rosa de Graaf, Rotterdam; Immortality for all, Savvy Contemporary , Berlin 2016; AUTO-KINO! presented by Phil Collins, Temporäre Kunsthalle, Berlin 2009 and I Still Believe in Miracles – part I, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris 2005 among others. (Ana María Millán)
Abbildungen: Ana María Millán, Elevación, 2019 © Ana María Millán

Über die Künstlerin

Ana María Millán * 1975 in Cali, COL, lebt und arbeitet in Berlin, GER. Studium am Chelsea College of Art and Design, London, GBR, am Instituto Departamental de Bellas Artes, Cali, COL
Webseiten

Über das Werk

Länge 00:10:12

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