Viktor Brim &

Dark Matter

Menschengemachte Landschaften ohne Menschen. Haushohe Kolosse aus Stahl graben nach Gestein. Zerfurchte Erde, dampfende Schlote, Haufen von Schrott. Viktor Brim dokumentiert Orte der Geschichte und Gegenwart der Rohstoffförderung: die Ökonomie der Extraktion, auf der das moderne Leben basiert. Neben der schier unbegreiflichen Dimension dieser Orte haben die Prozesse eine Zeitlichkeit inne, die sich nur über Dauer erfassen lässt. Deshalb steht die Kamera des Künstlers still, wenn sie beobachtet, registriert, aufzeichnet. Daniel Burkhardt schreibt über Brims Videokunst: »Durch die exakte Bemessung der Dauer seines Blicks und die präzise Setzung des Bildausschnitts gelingt es ihm scheinbar mühelos, dass sich das Betrachtete wie von selbst erzählt.«1 So kommt Brim ohne jeglichen Kommentar aus. Der fein arrangierte Ton überträgt vielmehr das niemals ruhende Surren der Maschinen. Seine Tableaus bezeugen in ihrer audiovisuellen Kraft die Hinterlassenschaften der auch unter dem Eindruck der Klimakatastrophe ungemindert voranschreitenden industriellen Ausbeutung des Planeten.
In seinem jüngsten Film Dark Matter führt Brim eine neue Ebene der Abstraktion ein: Aus dichtem Nebel schälen sich schemenhaft Trümmerreste, Strommasten und Industrieanlagen im spärlichen Licht der Scheinwerfer. Die apokalyptisch anmutende Szenerie wechselt mit Landschaftsbildern, deren hügelige Formen den Faltenwurf eines Samttuches evozieren. Schließlich taucht die Kamera in das riesige, von konzentrischen Fahrstraßen umzeichnete Loch der weltgrößten sogenannten Kimberlitpfeife bei Mirny in Jakutien im Nordosten Sibiriens. Die Konturen der Diamantmiene verlieren sich im tiefen Schwarz des Abgrunds, gleich einem unendlich langsamen Sturz ins Bodenlose.
Neben der Videoprojektion wird in dem mit Trapezblech ausgekleideten Raum der Installation eine Sammlung von Artefakten in Vitrinen gezeigt, die auf die politischen und kulturellen Zusammenhänge hinter der Bedeutung Jakutiens als Ressourcenspeicher der ehemaligen Sowjetunion und der heutigen russischen Förderation verweisen. Das ebenfalls ausgestellte Künstlerbuch Imperial Objects ergänzt durch persönliche Erzählungen und Berichte Brims fotografisch-filmische Aufarbeitung der komplexen Geschichte der postsowjetischen Peripherie. (Florian Wüst)

Artist Statement
Meine Arbeit basiert auf der Erkundung von Räumen. Darunter verstehe ich vielschichtige Verknüpfungen von geographischen und mentalen Orten. Der Raum, in dem wir leben hat fiktionale Eigenschaften, das zeige ich in meiner Arbeit anhand der Wahl des Materials, das ich während meiner Reisen zu unterschiedlichen Orten sammele. Die Fiktion unterliegt Dramaturgien wie Repräsentationen von Machtverhältnissen, Ideologien, Technologien oder Glaubenssätzen. In den letzten vier Jahren habe ich mich mit den ressourcenreichen Landschaftsteilen Sibiriens beschäftigt. Hier graben gigantische Schwimmbagger seit einem halben Jahrhundert in die Erdkruste postapokalyptischer und postsowjetischer Territorien. Der hinterlassene geologische Abraum, der sich aus Tagebauten, Infrastrukturen, Trümmern und Ruinen zusammensetzt wird zu einem Relikt, zu einem Fragment, zu einer Fiktion, mit der ich mich beschäftige. (Viktor Brim)
1 Daniel Burkhardt, Monoscape, ZOOM – on moving images and audiovisual arts, https://en.khm.de/ZOOM/id.29044.monoscape/
Abbildungen: Viktor Brim, Dark Matter, 2020 © Viktor Brim & VG Bild-Kunst

Über den Künstler

Viktor Brim * 1987 in Taschkent, UZB, lebt und arbeitet in Köln, GER. Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, GER, an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam, GER, und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, GER
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Über das Werk

Länge 00:19:52

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