Ingel Vaikla &

Double Exposure

Double Exposure ist eine filmische Untersuchung über die Beziehung zwischen Geschichte und Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Utopie und Dystopie. Diese Vorstellungen existieren in Slawutytsch nebeneinander, der letzten idealen Stadt, die von der Sowjetunion im Norden der Ukraine gebaut wurde.
Slavutych wurde gezielt kurz nach dem katastrophalen Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl (1986) erbaut, um die vielen evakuierten Arbeiter*innen und ihre Familien unterzubringen, die früher in Pripjat, heute eine Geisterstadt, lebten. Die ersten Bewohner*innen kamen 1988 nach Slawutych. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, ist das wirtschaftliche und soziale Leben der Stadt immer noch stark durch das Kernkraftwerk geprägt, da viele Einwohner*innen täglich zur Arbeit zur Überwachung oder Instandhaltung des alten Bauwerks pendeln. Infolge des ständigen Rückgangs der Nachfrage nach Arbeitskräften nach der Abschaltung des Kraftwerks im Jahr 2001, verödet die Stadt allmählich und ihre Demografie verändert sich: mehr als ein Drittel ihrer Einwohner*innen ist heute unter achtzehn Jahre alt.
Vaiklas Film gibt den Blick frei auf das Aufeinanderprallen einer glorreichen sowjetischen Vergangenheit – angetrieben vom Streben nach einer sozialistischen Utopie – und der Gegenwart, in der es dieser Utopie nicht gelungen ist, den Traum zu verwirklichen.
Der Film vereint archivarisches Filmmaterial und gefilmte Bilder. Er folgt einer kleinen Gruppe sportlicher Teenager, die mit spielerischer Leichtigkeit in der ganzen Stadt Gymnastikübungen machen und dabei mit der Architektur der letzten sowjetischen Idealstadt und mit den im Stadtraum installierten Sport- und Wohnanlagen interagieren. Auf den ersten Blick mag diese Aktivität als eine Reaktion auf die Langeweile in der Kleinstadt erscheinen, aber sie ist voller Bezüge zur sowjetischen Vergangenheit, in der hervorragende Leistungen im Sport eng mit politischer Propaganda verbunden waren. Wie wirkt sich dieses komplexe Erbe auf die Wahrnehmung der Gegenwart und die Vorstellung der Jugendlichen von der Zukunft aus?
Der Titel Double Exposure bezieht sich auf den fotografischen Prozess der Überlagerung von zwei Bildern zu einem einzigen Bild. In diesem Fall ist er eine Metapher für die Synthese der doppelten Gegenwart von Vergangenheit und Zukunft, Utopie und Dystopie, dem Gefühl, an einem vertrauten und doch fremden Ort zu sein. Darüber hinaus ist Slavutych physisch der doppelten Strahlung des Sonnenlichts und des ehemaligen Atomkraftwerks (das nur 50 km entfernt liegt) ausgesetzt, das immer noch radioaktiv ist. In Slavutych existieren verschiedene Kräfte nebeneinander, die auf diese Weise einen komplexen Ort erschaffen, an den sich die in Estland geborene Künstlerin (die selbst der post-sowjetischen Generation angehört) durch eine scharfsinnige und detaillierte Beobachtung der Architektur, der Infrastruktur und des Verhältnisses ihrer jungen Bürger zum städtischen Raum nähert. (Vanina Saracino)

Artist Statement
My artistic practice is centred around the visual dialectics between image, space and body. In my video work I have addressed image-making as an essential way of encountering and understanding the complexity of “the built”, from its representation to the experience of its users. “The built” as a notion that designates architectural spaces but also the broader human element, those who built them and those who inhabit or will inhabit them.
In my practice I am in constant search for visual language that would not simply observe architecture as aesthetic sculptural form but would also explore the mental and conceptual qualities it can convey. I believe buildings do not only provide shelter, they are also a mental mediation between the world and us. This is why I am so endlessly fascinated in images as heterotopian entities – not just because they point to another place but also because they are in constant dialogue with individuals that embody their atmosphere, structures and sensations. (Ingel Vaikla)
Abbildungen: Ingel Vaikla, Double Exposure, 2020 © Ingel Vaikla & VG Bild-Kunst

Über die Künstlerin

Ingel Vaikla * 1992 in Tallinn, EST, lebt und arbeitet in Brüssel, BEL. Studium an der Estonian Academy of Fine Arts, Tallinn, EST, an der Royal Academy of Fine Arts, Gent, BEL, und ist derzeit praxisorientierte PhD-Kandidatin in der audiovisuellen Kunst und bildenden Kunst an der PXL-MAD, Hasselt, BEL
Webseiten

Über das Werk

Länge 00:13:36

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