Ida Kammerloch &

Resusci Anne

Zwei junge Frauen – zeitlich getrennt, in der Tragik ihrer Todesumstände verbunden.
Im 19. Jahrhundert wurde die nicht identifizierbare Leiche einer jungen Frau aus der Seine geborgen, um ihren vermeintlichen Selbstmord ranken sich bis heute zahlreiche Mythen. Abbildungen der Totenmaske der ›L’inconnue de la Seine‹ verbreiteten sich, wurden zu einer Art Massenprodukt und stilisierten sie zur Muse. Sie wurde zur Projektionsfläche für die Fantasien männlicher Künstler und Literaten. Über ein Jahrhundert später modellierte Asmund Laerdal das Gesicht der standardisierten Trainingspuppe zur Herz-Lungen-Wiederbelebung (CPR) nach dem Vorbild der Totenmaske und machte sie zu ihrem Markenzeichen: »Saving lifes by kissing.« Diese Puppe ist heute unter dem Namen Rescue Annie oder Resusci Anne bekannt.
»A line I read on the Internet hits me hard.« Im Juli 2019 erschütterte der Mord an einer 24-jährigen russischen Travelbloggerin, Influencerin und angehenden Ärztin, deren lebloser Körper in einem Koffer in ihrer Wohnung entdeckt wurde, die Medien. Die Zahl ihrer Instagram-Follower*innen stieg schlagartig an, ihre Instagram-Postings wurden öffentlich in einer russischen Talkshow diskutiert und das Doppelleben der jungen Frau, die ihren Lebensstil durch ihre Arbeit als Escort Dame finanziert hat, aufgedeckt. Ein Koffer, ein gefundener Körper, Instagram-Follower*innen – Fragmente, die herumwirbeln und kaum zu greifen sind. Lässt sich eine Person erfassen, indem man durch ihre Fotos scrollt? »Well too many pictures to look at.«
Ida Kammerloch benutzt solche Zitate, mit denen sie bildliche und sprachliche Fragmente beider Erzählungen collageartig zusammensetzt. Beide Frauen sind ihrer eigenen Narration post mortem beraubt worden. Immer wieder nutzt die Künstlerin ihren eigenen Körper, um durch Überblendungen mit den zwei Frauen zu verschmelzen, ihnen einen Körper zurückzugeben. Die Appropriation der Totenmaske und der in einen Koffer gezwängte leblose Körper der Bloggerin finden ihre Überschneidung schließlich in der Trainingspuppe.
Zusätzlich benutzt Kammerloch sowohl Aufnahmen von Google Street View oder Ebay-Suchanfragen als auch Frauendarstellungen des kunsthistorischen Kanons und hinterfragt dabei die patriarchalen und westlichen Narrative unserer Gesellschaft. Der im Wasser treibende Körper, wie ihn John Everett Millais in seinem Gemälde der Ophelia dargestellt hat, unterstreicht den Schwebezustand, den fließenden Übergang von der realen Person zum idealisierten Mythos. (Fabienne Bonus)

Artist Statement
Meine Arbeiten untersuchen aus dem Konsumzyklus extrahierte Bilder, Objekte, Medienereignisse, Mythen, die in installativen Findungen, Videos, Texten und reenactments neu miteinander verknüpft werden. Innerhalb meiner transdisziplinären Praxis dienen diese Artefakte als Werkzeuge bei der Analyse vorgefundener Darstellungskonventionen des Weiblichen. Populäre, unbekannte, wie flüchtige Frauenfiguren aus Popkultur, Mythologie und den Massenmedien erscheinen als soziokulturelle Projektionsflächen und Mittler meiner Untersuchungen. Ein besonderes künstlerisches Interesse gilt dem Prozess der Kommodifizierung, Mythologisierung, kulturellen Appropriation, sowie der Verschränkung essayistischer Narration und analytischer Recherche. (Ida Kammerloch)

* Wir können nur einen Ausschnitt dieses Werks im Online-Videoarchiv zeigen. Für die vollständige Version, kontaktieren Sie bitte die Künstlerin.

Abbildungen: Ida Kammerloch, Resusci Anne, 2019/2020 © Ida Kammerloch

Über die Künstlerin

Ida Kammerloch * 1991 in Ischewsk, RUS, lebt und arbeitet in Wien, AUS. Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken, GER, und der Rodchenko Art School, Moskau, RUS
Webseiten

Über das Werk

Länge 00:07:39
Desktop-Selfie by Ida Kammerloch
Desktop-Interview: Ida Kammerloch & Fabienne Bonus
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